Gewalt ist keine Frage des Geschlechts, auch Mädchen lassen bei Konflikten zunehmend die Fäuste sprechen. Nadine, 17, ist mit Kontrahentinnen nicht zimperlich. Nur in Stöckelschuhen hält sie sich zurück: “Das schaut überhaupt nicht gut aus.”
Wer Nadine* falsch anschaut, lebt gefährlich. “So schief von oben nach unten, ich hasse das”, sagt die 17-Jährige. Wenn Nadine schlechte Laune hat, kann ein Blick ausreichen, schon explodiert sie. Dann schlägt sie mit der Faust ins Gesicht, tritt mit dem Fuß in den Magen. Kieferbruch, Milzriss, Leberprellung sind ihre Rache für den falschen Blick.
Seit sie elf Jahre alt ist, prügelt Nadine. Gründe für schlechte Laune gibt es beinahe täglich: Streit mit den Eltern oder den Schwestern, Stress in der Schule. “Wer dann als erster dumm schaut, hat halt Pech gehabt.” Sie sagt das mit einem Lächeln, halb stolz, halb entschuldigend. Nur wenige haben sie danach angezeigt. “Die anderen hatten Angst.” …
Dass gerade der Anteil der prügelnden Mädchen so stark angestiegen ist, sieht die Soziologin Bruhns auch als Folge eines veränderten weiblichen Rollenbilds: “Heute sollen sich auch Frauen durchsetzen können, sich nichts gefallen lassen. Das spielt eine ganz zentrale Rolle in der Argumentation der Mädchen. Gerade wenn sie in ihren Familien noch ein Bild vermittelt bekommen, dass Frauen sich eigentlich unterordnen müssen, dass Weiblichkeit Schwäche assoziiert, dann lehnen sie sich dagegen auf. Sie wollen keine Opfer sein. Im Gegensatz zu früher ist Schwäche auch bei Frauen keine Tugend mehr. Sich zu prügeln und gleichzeitig ein attraktives Mädchen zu sein, ist kein Widerspruch für die Täterinnen.”
