Gewaltberatung mit Täterinnen, Fachtagung der Kriminologischen Zentralstelle

Sabine Seifert-Wieczorkowsky hat einen Vortrag über die Arbeit mit Täterinnen häuslicher Gewalt auf der Fachtagung der Kriminologischen Zentralstelle e.V. gehalten.

Hier einige bemerkenswerte Auszüge: 

Wir beraten Täterinnen, die von sich aus und aus eigenem Antrieb bei uns Beratung aufsuchen. Die Klientinnen kommen aus allen sozialen Schichten, und um einen Verdacht vorzubeugen, sie sind alle massiv körperlich gewalttätig, nur (noch) nicht Polizei bekannt.Sie kommen allein deshalb, weil ihnen unser Beratungsangebot FÜR Täter und Täterinnen bekannt geworden ist.  Seit Jahrzehnten machen wir eine immer gleiche Erfahrung:  Überall dort, wo eines unserer Beratungsangebote entsteht, melden sich die Klientinnen. Es ist also keineswegs so, wie es häufig propagiert wird: Täterinnen würden keine Beratung aufsuchen. Ganz im Gegenteil: Sie suchen wie ihre männlichen Pendants Beratung genau dann auf, wenn sie auch Beratung finden können. Im Klartext: Ohne Angebot keine Nachfrage …. 

Liest man heute in Deutschland Broschüren, die durch offizielle Behörden oder Ministerien herausgegeben werden, so findet man ausschließlich den Hinweis, dass gewalttätige Männer, Frauen als Täterinnen werden weitgehend ausgeblendet, über den Einsatz der so genannten Niedrigschwelligen Angebote nicht zu erreichen wären, und dringend gezwungen werden müssen durch gerichtliche und polizeiliche Auflagen, um überhaupt bereit zu sein, eine Zwangsberatung aufzusuchen.Diese Grundannahmen sind bereits seit 2002 durch die oben zitierte Studie der WHO widerlegt. Sicher ist aber, dass in fast allen Ländern genau die Projekte, die wie wir damals aus einem ursprünglichen Selbsthilfeansatz heraus entstanden sind und von daher bereits den wirklichen Bedarf an niedrigschwelliger täterinnenorientierter Beratung abschätzen konnten, durch die Politik eben nicht unterstützt wurden. Nein, die Mär von der Unerreichbarkeit dieses Klientels musste offenbar um jeden Preis erhalten bleiben, dient sie nicht zuletzt auch der Selbstdefinition vieler Beraterinnen, die nach den DAIP Konzepten arbeiten: Das Misstrauen gegenüber Männern generell, die Kontrolle über den „bösen“ Tätern, die nur im Zwangskontext bereit sind sich einer Veränderung zu „unterziehen“. Nicht zuletzt dient dieses Schwarz-weiß Denken auch der eigenen Selbsterhöhung, bin ich doch der vermeintlich bessere Mensch, weil vor mir ja der böse, gewalttätige Mann. Das Ergebnis: Viele finanziellen Ressourcen werden heute in die Zwangsberatung investiert, der viel preiswertere niedrigschwellige Weg wird mit sehr wenigen Ausnahmen weder finanziert, geschweige denn weiter erforscht. Die Wissenschaftlichkeit ist somit einer Ideologie gewichen. …   

Als wir begannen, uns mit dem Thema der Konfrontation in der Täterinnenarbeit auseinanderzusetzen, galt unsere Aufmerksamkeit erstmal dem Finden und dem Kreieren einer anderen Begrifflichkeit für das Wort Konfrontation. Wir sind von der Annahme ausgegangen, dass dieser Wortgebrauch eine rein männliche Konnotation hat, der bei Frauen eher die Phantasien von Streit und Distanz auslöst.Bis wir merkten, dass wir uns selbst als Frauen auf den „Leim“ gegangen sind. Wir waren dabei, den Inhalt der Konfrontation zu verwässern, weichzuspülen und weiblich sozial anzupassen. Wenn Frauen eigene Grenzen aufzeigen, ist das wenn überhaupt, nur in einer angenehmen Atmosphäre möglich. Aggressionen haben keinen Platz. Wir dürfen als Frauen nicht verantwortlich für Disharmonien sein. So sind wir in eine ganz typische „Frauenfalle“ getappt, was uns zunächst erschreckte, um dann zu erkennen, wie wir auch damit den Boden für ein Verhalten in der Beratung von Täterinnen bereiten, den wir provokativ den „Bambi- Effekt“ nennen. Damit ist u.a. das manipulative Einsetzen von Tränen gemeint, mit dem die Täterin sich z.B. als Opfer widriger Umstände sieht. Klassischerweise nimmt die Frau in diesem Kontext eine Opferhaltung ein: Eine seriöse Thematisierung des Bambie- Effektes in der Beratung mit Täterinnen und ein Konfrontieren desselben ist ein weiterer Mosaikstein für ein gewaltfreies Leben.

 

Hier können Sie online den Vortrag lesen.