Haben Experten versagt? Am Tag nach dem verhinderten Amoklauf von Sankt Augustin werden viele Fragen aufgeworfen. NRW-Schulministerin Barbara Sommer räumt ein, die Mädchen als mögliche Tätergruppe bislang vernachlässigt zu haben.
Am Tag nach dem verhinderten Amoklauf herrscht Ausnahmezustand am Schulzentrum Niederpleis. Kamerateams und Pressefotografen stehen am Zaun, die Polizei sichert das Gebäude. Schulministerin Barbara Sommer spricht mit Lehrern, Eltern, Schülern und informiert danach mit der Leiterin des Albert-Einstein-Gymnasiums, Anne Marie Wähner, die Medien. Doch bleiben viele Fragen offen.Die mutmaßliche Täterin, die sich seit der Nacht in Polizeigewahrsam befindet, war schon in der Woche zuvor durch „seltsames Verhalten“ aufgefallen, schildert Wähner. Die 16-Jährige hatte offenbar gegenüber Mitschülern geäußert, dass sie sich umbringen wolle. Die Schule zog einen Experten der Bezirksregierung hinzu, wie es der Notfallplan vorsieht. Dieser habe festgestellt, dass von der Gymnasiastin „keine Fremdgefährdung“ ausgehe. Das hätten auch Gespräche mit den „Bezugspersonen des Mädchens“ ergeben.Die Zehntklässlerin wurde für Montag zu einem Gespräch mit Schulpsychologen einbestellt – und erschien dort nicht. Stattdessen füllte sie ihren Rucksack mit Molotow-Cocktails, bewaffnete sich mit einem Messer und griff eine Mitschülerin an, die sie zufällig auf der Toilette überraschte, als sie offenbar einen Anschlag vorbereitete. Sie schnitt der 17-Jährigen bei der Auseinandersetzung einen Daumen ab und flüchtete. Das Mädchen sei operiert worden, und es gehe ihr gut, sagt die Schulministerin: „Ich bin sehr erleichtert.“Hatten die Experten die Lage falsch eingeschätzt? Hätte man anders reagiert, wenn ein Junge sich „seltsam“ verhalten hätte?Mit „hätte“ komme man nicht weiter, erwidert Schulleiterin Wähner auf die Fragen der Journalisten. Ministerin Sommer sagt allerdings mit Verweis auf die Zahlen: „Wir hatten die Mädchen bisher nicht im Blick.“
„Wir hatten die Mädchen nicht im Blick“ – Kölnische Rundschau
Wir vermuten, das “in den Blick nehmen” wird jetzt geschehen – doch nur bei sehr sehr wenigen…
Die meisten werden nach wie vor die Jungen pathologisieren und kriminalisieren, und die Mädchen bzw. deren gewalttätiges Verhalten schönreden.
