“Gewalt gegen Senioren passiert am häufigsten in der Familie oder Nachbarschaft” stellte Univ. Prof. Dr. Josef Hörl vom Institut für Soziologie an der Universität Wien beim 1. ÖGB-BundespensionistInnenforum fest. In seinem Referat “Gewalt im Alter – bedauerliche Einzelfälle oder bittere Normalität?” betonte Hörl, das Gewalt im Alter keine soziale Unterscheidung kennt.Weltweit erfahren innerhalb eines Jahres zwischen drei und fünf Prozent aller alten Menschen (ab 65 Jahren) Gewalt in der Familie. Verbale Aggressionen und Drohungen sowie Vernachlässigung (mehr weibliche Opfer) bzw. finanzielle Ausbeutung (mehr männliche Opfer), häufiger als die körperliche Misshandlung, stehen im Vordergrund. Rund zwei Drittel der TäterInnen leben mit dem Opfer zusammen.
Frauen üben eher verbale, Männer eher körperliche Gewalt aus. Hochaltrige Menschen (über 85 Jahre) und chronisch kranke Personen sind stärker gefährdet, insbesondere Demenzkranke.In Österreich sind ältere Menschen seltener Opfer von Kriminalität. Eine Ausnahme bilde allerdings der klassische Handtaschenraub. Bei der “strukturellen” Gewalt genügt oft schon alleine das Alter, um diskriminiert zu werden. Hörl: “Dazu zählt auch, dass es beispielsweise im nächsten Nationalrat niemanden mehr über 70 Jahre geben wird. Als Gewalt wird auch empfunden, wenn in der Straßenbahn kein Platz angeboten wird.”Nach einer Untersuchung von Hörl bei Beratungsstellen verteilt sich “Gewalt gegen Senioren” in Österreich auf folgende Bereiche:
O Privater Bereich (Familie, Nachbarschaft) 26 Prozent
O Heime und Krankenhäuser zwölf Prozent
O Öffentlichkeit und Medien zwölf Prozent
O Kriminalität sieben ProzentGewalt im Privaten Bereich verteilt sich wie folgt:
O Drohungen, grobe Beleidigungen 16 Prozent
O finanzielle Ausbeutung 15 Prozent
O Verwahrlosung, Alkoholismus 13 Prozent
O Soziale Isolation acht Prozent
O schlechte, gefährliche Pflege vier Prozent
O Missbrauch von Medikamenten zwei ProzentLaut Hörl gibt es bei der Gewalt innerhalb der Familie eine sogenannte “Gefühlsdynamik”. Daher sei eine eindeutige Definition und Identifikation von Gewalt im persönlichen Nahbereich besonders schwierig. Es gibt auch fließende Grenzen zwischen “Normalität” und Gewalt, speziell in Pflegesituationen. Häufig gibt es auch Widersprüche zwischen objektiven Urteilen und subjektiven Bewertungen. Weiters ist eine Unterscheidung zwischen Misshandlung und anderen Verletzungsursachen selbst für MedizinerInnen oft schwierig.
