Der Amoklauf in Lörrach und ein anderer Blick auf Täterinnen

Sabine Wieczorkowsky, Ausbildungsleiterin und Gewaltberaterin im Forum Intervention

Sabine Wieczorkowsky, Ausbildungsleiterin und Gewaltberaterin im Forum Intervention

Bisher zeichnet die Presse von der Amokläuferin in Lörrach eher  ein verzerrtes Bild von einer Täterin, die doch eigentlich Opfer ist.

Sabine Wieczorkwsky vom Forum Intervention sieht die Täterin aus einer anderen Perspektive. Der „Brigitte“ gab Frau Wieczokowsky ein Interview, das ich hier gefunden habe…

BRIGITTE.de: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Amoklauf hörten?

Sabine Wieczorkowsky: Ich war erschrocken und dachte sofort: Jetzt ist die letzte männliche Bastion gefallen. Bisher kennen wir Amokläufe im deutschsprachigen Raum nur von Männern.

BRIGITTE.de: Es sind häufig Heranwachsende wie Tim K. in Winnenden, die zu Amokläufern werden. Und meistens sind es Außenseiter.

Sabine Wieczorkowsky: Wir wissen, dass die Täterin in Lörrach Rechtsanwältin war, also eine gebildete Frau, eher keine Außenseiterin. Das Ungewöhnliche ist, dass sie nicht nur sich und ihre Familie auslöschen wollte, sondern außerdem in rasender Wut völlig fremde Menschen attackiert hat.

BRIGITTE.de: Sehen Sie Parallelen zu gewalttätigen Frauen, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Sabine Wieczorkowsky: Die wenigsten Menschen können sich Frauen als Täterinnen vorstellen. Es gibt aber sehr viele Frauen, die ihre Kinder oder ihren Mann schlagen. Zu mir kommen Frauen, die zum Teil brutale Gewalt ausgeübt haben – und sich als Opfer fühlen. Das erlebe ich immer wieder. Und sie werden von der Gesellschaft darin bestärkt. Sie werden aus Notwehr zu Täterinnen oder sie wehren sich damit gegen langjährige Gewalt durch den Partner oder die Väter.

Sabine Wieczorkowsky: Ja, aber wir müssen trotzdem beginnen, da anders drauf zu gucken. Wir müssen lernen zu sagen: Diese Frau hat Schlimmes erlebt, aber wenn sie ihr Kind oder ihren Mann schlägt, ist sie die Täterin. Dafür muss sie auch Verantwortung übernehmen. Ich kann, wenn ich eine Frau mit einem solchen Hintergrund vor mir sitzt, nicht Täterin und Opfer ständig mischen.

BRIGITTE.de: Und was bedeutet das im Fall Sabine R.?

Sabine Wieczorkowsky: Die Amokläuferin ist tot, sie wird uns nicht mehr sagen können, was in ihr vorging. Es wird in der nächsten Zeit viele Erklärungsversuche in den Medien geben. Ich bin gespannt auf die Entschuldigungen, die auf ihre Opferrolle hinweisen werden. Aber mir ist bei Täterinnen grundsätzlich wichtig, dass ich sie zur Verantwortung für ihre Tat ziehe. Das bedeutet, ich nehme diese Frau ernst – und nur dann kann ich mit ihr arbeiten. Das geht nicht, wenn ich sie im Opferstatus belasse.

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