Frauen als GewalttäterinnenGute Gründe zum Morden
Von Sebastian Moll“Monster”+”Monster”
Amy Bishop war völlig ruhig am Nachmittag des 12. Februar, nichts deutete auf Erregung oder Verwirrung hin. Wie an jedem Freitag unterrichtete die Biologie-Professorin an der Universität von Alabama ihren anderthalb Stunden währenden Kurs in Neurophysiologie. Dann ging sie in den Konferenzraum der Fakultät für Wissenschaft und Technologie auf dem Campus in Huntsville, um an der wöchentlichen Sitzung der Belegschaft teilzunehmen.40 Minuten saß Bishop in der Konferenz und hörte still den Diskussionen und Vorträgen zu. Dann zog sie einen 9-Millimeter-Revolver aus ihrer Handtasche und schoss sechs Kollegen nieder. Erst als die Trommel leer geschossen war, hörte sie auf abzudrücken, verließ den Raum, warf die Waffe weg und stellte sich vor dem Gebäude der Polizei.Der Mehrfachmord durch die Professorin kann kaum als Amoklauf bezeichnet werden. Amy Bishop handelte eindeutig nicht im Affekt, jedenfalls nicht im unmittelbaren. Ihren Zorn darüber, dass sie von ihren Kollegen nicht zur vollen Professorin ernannt wurde und eine Anstellung auf Lebenszeit erhielt, trug Amy Bishop schon seit einem Jahr mit sich herum.Ihr Ehemann James Bishop berichtete später den Behörden, dass seine Frau schon seit Wochen auf einer Schießanlage den Umgang mit der Waffe geübt hatte. Und so können die Morde von Alabama, die seither Amerika umtreiben, nur als eines bezeichnet werden: als kaltblütig.
Promovierte Wahnsinnige
Dennoch konzentrierte sich die Berichterstattung über Amy Bishop sehr schnell auf ihren vermeintlichen Wahnsinn. Am 20. Februar erschien in der New York Times eine Reportage, in der sich Zeugen über den lebenslangen Kampf der Wissenschaftlerin mit ihrem Temperament ausließen. Frühere übertriebene Reaktionen wurden angeführt, wie ein angebliches Handgemenge mit einer anderen Mutter in einem Fast Food Restaurant um den einzigen freien Kinderstuhl. Der Boston Globe veröffentlichte eine Meditation über die sprichwörtliche Nähe von Genie und Irrsinn, die sich bei der in Harvard promovierten Amy Bishop mustergültig zeige.
Vermutlich werden die Gerichtspsychologen bei Amy Bishop tatsächlich fündig. Die fragwürdigen Umstände, unter denen sie vor 20 Jahren ihren Bruder angeblich fahrlässig tötete, sprechen durchaus dafür. Dennoch ist bemerkenswert, wie schnell die Berichterstattung Bishops Bluttat als Wahnsinn deutet und das Offensichtliche ausblendet: Dass eine hochintelligente, gebildete Frau bei klarem Verstand und mit eindeutigem Vorsatz gemordet hat.Wäre Bishop ein Mann gewesen, so die Theorie eines Essays von Sam Tanenhaus in der New York Times, dann wäre man mit der Pathologisierung der Tat nicht so schnell bei der Hand gewesen. Die US-Kultur, so Tanenhaus, bringt eine grenzenlose Faszination für männliche Mörder und deren Antriebe auf.
Frauen als Gewalttäterinnen: Gute Gründe zum Morden | Frankfurter Rundschau -
