Ein Vortrag von Sabine Seifert-Wieczorkowsky anlässlich einer Contour-Tagung im Februar 2007
Im Rahmen der Entwicklung der Täterinnenarbeit beschreibt die Autorin den gesellschaftspolitischen Hintergrund der Wahrnehmung von “Gewalt von Frauen allgemein”, und fordert ein Umdenken weg von den plakativen Klischees: Männer sind Täter und Frauen sind Opfer.
Hier der Artikel in leicht gekürzter Fassung :
Ein Wort vorweg, bevor die Inhalte des Gender Mainstreaming beleuchtet werden:
Gender Mainstreaming kann, darf und soll die Frauenförderung auf keinen Fall ersetzen.
Gender ist eine Strategie, um Geschlechterungerechtigkeiten aufzudecken und zu beheben. Z.B. stellt Gender fest, dass Mädchen, die nicht Fußball spielen, ihr Volleyballfeld im Stadtpark bekommen (wo Jungen selbstverständlich ihren Bolzplatz haben). Frauenförderung setzt sich dafür ein, dass Mädchenfußball mit in die Lehrpläne aufgenommen wird und dass örtliche Fußballvereine Mädchenmannschaften aufbauen.
Die UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 ist ein Meilenstein in der Geschichte der internationalen Frauenpolitik und war weltweit Auslöser für zahlreiche staatliche Initiativen für mehr Gleichstellung und Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Aktionsplattform von Peking verkörpert einen historischen Konsens, der von 189 Staaten unterzeichnet wurde.
2 Jahre später entsteht der so genannte Amsterdamer Vertrag (1997). Hier verpflichten sich die EU Mitgliedsstaaten darauf, „Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern”.
In Deutschland ist das Konzept Gender Mainstreaming in einem Kabinettsbeschluss vom Juni 1999 verankert worden, in dem sich die Bundesregierung verpflichtet, die Gleichstellung von Männern und Frauen zum durchgängigen Leitprinzip und zur Querschnittsaufgabe ihres Handelns zu machen.
Was heißt das nun aber nach dem wir die politischen Zusammenhänge geklärt haben?
Gender Mainstreaming bedeutet, laut Bundesfrauenministerium, bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.
“Gender” bezeichnet die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechtsrollen von Frauen und Männern. Diese sind – anders als das biologische Geschlecht – erlernt und damit auch veränderbar.
Mainstreaming bedeutet, dass eine bestimmte inhaltliche Vorgabe, die bisher nicht das Handeln bestimmt hat, nun zu einem wichtigen Bestandteil bei allen Vorhaben gemacht wird. Durch die Ausrichtung an den Lebensrealitäten beider Geschlechter wird die Wirksamkeit der Maßnahmen und Vorhaben erhöht, da sie pass- und zielgenauer werden.
Ein Beispiel dazu:
Meistens ist es so, dass Frauen kleinere Hände als Männer haben. Diesen augenscheinlich kleinen Unterschied zu beachten, kann im PolizistenInnenalltag lebensrettend sein. Jüngst musste das nordreihein- westfälische Innenministerium für seine 43.000 Polizistinnen und Polizisten neue Dienstwaffen anschaffen. Eine Reihe in Frage kommender Waffen wurden verschiedenen Tests unterzogen und da die Gleichstellungsbeauftragte, Frau Jutta Ben Lasfar, mit über die Testreihen wachte, nahmen neben Polizisten auch Polizistinnen daran teil.
In vielen Fragen waren sich die Tester und Testerinnen einig, allein bei der Handhabung des Griffsstücks unter der Fragestellung “Lässt sich der Magazinhalter mit dem Daumen der Schusshand erreichen” klafften die Ergebnisse auseinander.
Angeschafft wurde eine Dienstpistole mit einem Griff der flexibel vergrößert oder verkleinert werden kann. Und darüber haben sich nicht nur die Frauen gefreut, sondern auch die Männer mit kleineren Händen.
(verg. EMMA Juli/Aug. 2007, Chantal Louis)
Die Wirksamkeit der Maßnahme und deren “Passgenauigkeit” muss, so meine ich, nicht mehr besonders erwähnt werden.
Stereotype Geschlechterrollen, im privaten wie im öffentlichen Raum sollen durch die Genderstrategie hinterfragt, im emanzipatorischen Sinne verändern und Gender als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachtet werden.
Gender Mainstreaming sollte explizit verstanden werden als Befreiung von traditionellen Geschlechterrollen. Der Mythos der Geschlechterneutralität politischer und unternehmerischer Maßnahmen und Entscheidungen, hat keinen Platz mehr!
Seit dem 01.01.2007 haben wir das Elterngeld für 14 Monate, so dass einer partnerschaftlichen Teilung der Erwerbsarbeit, der Kindererziehung und der Hausarbeit hierzu Lande nichts im Wege steht.
Und trotzdem bleiben bis zum 6. Lebensjahr zum überwiegenden Teil die Frauen zu Hause. Immerhin fühlen sich 90% der Manager zerrissen, soll heißen auf der einen Seite der Familienanspruch und auf der anderen Seite die beruflichen Anforderungen. Haupthindernis in Deutschland für die Inanspruchnahme von Elternzeit/ Teilzeitarbeit ist der präsenzorientierte Leistungsbegriff, d.h. Leistung als physische Präsens am Arbeitsplatz hinter der sich das Vorurteil und die Erwartung verbirgt: “Der Mann ist sein Beruf”. Haus- und Familienarbeit gilt nicht als Arbeit.
Einige Fakten dazu:
- 52,3 % aller Paare leben das Modell: der Mann arbeitet Vollzeit und die Frau ist nicht erwerbstätig.
- Aber nur 5,7% der Paare wünschen sich diese Konstellation.
Jedoch: Wunschvorstellung ist, das 77 % der Männer gerne weniger arbeiten möchten.
- Würde dieser Wunsch in die Realität umgesetzt werden, könnten Frauen und Männer davon profitieren.
- Umfrageergebnisse über einen Zeitraum der letzen 10 Jahre beinhalten: Frauen verbringen inzwischen 329 Min. weniger täglich für Haus-/ und Familienarbeit, Männer 28 Minuten mehr.
- Frauen verbringen 56 Min. täglich weniger für die Kinderbetreuung, Männer 36 Min. mehr.
- die Erwerbszeit bei Männern ist trotz der gestiegenen Zeit für Familie, Haushalt und Kinderbetreuung gleich geblieben, sie verbringen jedoch weniger Zeit für Hobby und Freizeit. Während Frauen eine tägliche Arbeitszeitreduzierung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bevorzugen, möchten Väter lieber eine Reduktion der Arbeitszeit in größeren Blöcken, d.h. eine Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit
Väterpolitik zu leben, bedeutet keine neuen Normative aufzubauen, sondern Maßnahmen am “realen Leben” von Männern anzusetzen.
(vergl. Vortrag “Auch Männer haben ein Vereinbarkeitsproblem”, Dr. Döge, Institut für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung)
Ein Beispiel:
Der Arbeitsmarkt in Europa ist im Umbruch begriffen, wodurch sich auch die Erwerbs- und Berufsbiographien der einzelnen Männer und Frauen verändern.
Besonders Männer sind von dieser Veränderung betroffen, da das bislang unhinterfragte „Normalerwerbsmodell” (Vollzeit, kontinuierliche Beschäftigung über den gesamten Lebenslauf, Familienernährer-Rolle) seltener wird. Neue flexible Formen von Arbeit und mehrfach unterbrochene Erwerbsverläufe (z.B. Arbeitslosigkeit) werden der „Normalfall der Zukunft” für Männer.
Welche adäquaten Möglichkeiten der Bewältigungsstrategien stehen Männern hier zur Verfügung, auch im Hinblick auf eine Neuverteilung von Erwerbs – und Familienarbeit zwischen den Geschlechtern? Dafür ist es erforderlich sich mit der zukunftsweisenden gesellschaftlichen Entwicklungen von Kindern- und Familienfreundlichkeit sowie Geschlechtergerechtigkeit auseinander zu setzen.
Welche Auswirkungen das, unter anderem, auf die männliche Gesundheit hat wissen wir unlängst:
Bis zum Alter von 65 Jahren sterben Männer, im Vergleich mit dem weiblichen Geschlecht
- 5 mal häufiger am Herzinfarkt
- 3 mal häufiger an Verkehrsunfällen
- 3 mal häufiger an Aids
- 3 mal häufiger an Lungenkrebs
- 3 mal häufiger an Suizid
- 2 mal häufiger an Leberzirrhose
Mann sein in unserer Gesellschaft, scheint ein Risikofaktor zu sein. Dies belegt auch sehr eindeutig die Klosterstudie, von Prof. Dr. Marc Luy. Von 1890 bis 1995 wurde die Lebenserwartung von ca. 11.000 Mönchen und Nonnen aus 11 bayrischen Klöstern miteinander und mit der allgemeinen Bevölkerung verglichen. Die Durchführung der Studie erfolgte in Klöstern, da dort identische Tagesabläufe unter Männern und Frauen bestehen und Risikofaktoren wie Zigaretten, Alkohol und beruflicher Stress auszuschließen sind.
Resultat: Die Lebenserwartung der Mönche und Nonnen war nahezu gleich, d.h. das durchschnittliche Lebensalter unterschied sich nur noch um 1 Jahr, statt um 6 Jahre wie bei der Gesamtbevölkerung (Frauen ca. 82 Jahre / Männer ca. 76 Jahre) .
Prof. Dr. Luy meint dazu “Dass Frauen statistisch länger leben als Männer, ist also nicht naturgegeben, sondern offenbar beeinflussbar.”
(…)
Wobei an dieser Stelle nicht außer Acht gelassen werden darf, dass Frauen auch rauchen und arbeiten, jedoch erst im gleichen Maße wie die Männer seit der Generation der heute 30- 40 jährigen. (vergl. Klosterstudie, Prof. Dr. Marc Luy, Uni Rostock)
Die geschlechtsneutrale Betrachtungsweise im Gesundheitswesen hat auf beiden Seiten der Geschlechter gesundheitliche “Schäden” angerichtet.
Es gibt Krankheiten, die eher als Männerkrankheiten wahrgenommen und dementsprechend auch behandelt werden, z.B. der Herzinfarkt. Das hat zur Folge, dass sich Ursachenforschung und die Erprobung von neuen Therapieformen zum überwiegenden Teil an Männern ausgerichtet waren und zum größten Teil auch immer noch sind. Der spezifische Krankheitsverlauf bei Frauen, mit seinem zum Teil andersartigen Symptomen, blieben aufgrund dessen lange Zeit unbekannt. Dementsprechend wurden auch keine neuen Heilmethoden entwickelt. Bei Frauen wurden Herzinfarkte deshalb oft nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt mit der Folge, dass Frauen öfter an Herzinfarkten starben als Männer, obwohl diese öfter daran erkrankten.
(vergl. Bundesministerium für Senioren, Frauen und Jugendliche)
Was hat Gender Mainstreaming nun mit Gewaltberatung zu tun?
Es hat die Konsequenz, dass Gender Mainstreaming den Blick öffnet auf die Vielfalt der Individuen mit ihren jeweils spezifischen Stärken und Schwächen.
„Jede Option für alle” ist hierbei die innere Haltung, die den Zugang zu neuen Geschlechterrollen sowohl von Männern als auch von Frauen ermöglichen soll. Stereotype Rollenzuschreibungen, gesellschaftliche Klischees und eigene geschlechtsspezifische Vorurteile werden durch die gendersensible Haltung aufgedeckt und haben somit ihre immanente Macht verloren.
(…) Gender meint die Aufdeckung und Infragestellung des „sozialen Geschlechts”, die Überformung mit Eigenschaften und Verhaltensweisen die stereotypisiert werden.
Männer und Frauen sind in sich verschieden. Herkunft, kultureller Hintergrund, Temperament, Alter, Schichtzugehörigkeit, körperliche Behinderung, Befähigung, sexuelle Orientierung und vieles mehr, sind Dimensionen menschlicher Vielfalt. Möglichst genaue Differenzierung in der Ansprache der jeweiligen Zielgruppen sind somit notwendiger Bestandteil einer gendersensiblen Angebotspalette in der Gewaltberatung.
Mit dieser Haltung, der genderorientierten Gewaltberatung, können wir uns auch dem Themenbereich der Gewaltausübung durch Frauen nähern. Dies setzt eine innerliche Bereitschaft voraus, sich kritisch mit den bisherigen Erkenntnissen auseinander zusetzen, Frauen nicht nur in der Position des Opfers zu sehen, sondern sie auch als Täterinnen mitzudenken, ja wahrzunehmen.
Frauen sind Opfer – Frauen sind gut, zählt in dieser manifestierten Aussage nicht!
Gewalt ist immer noch (im Hellfeld) eine männliche Ressource und dennoch sind Jungen und Männer nicht nur in der Position als Täter, sondern auch als Opfer von weiblicher Gewalt wahrzunehmen. Auch wenn die Zahlen der Täterinnen zwischen 10% und 20%, (ebenfalls im so genannten “Hellfeld”) schwanken, also vergleichsweise gering sind, darf und kann dies kein Argument sein die Arbeit mit Täterinnen zu vernachlässigen.
Der gedankliche Spagat scheint schwierig, geraten doch vertraute Bilder ins Wanken, wenn “frau” die Unsicherheiten, die damit verbunden sind, zulässt. Die Zweifel und Unsicherheiten sind notwendig damit eine klare Haltung zur Frage der Täterschaft von Frauen entstehen kann. Erst wenn dies geschehen ist, können wir hinsehen und hinhören, wenn Männer von ihren Missbrauchserfahrungen durch Frauen berichten.
Erst dann hören wir ihren Ohnmachtserfahrung zu, weil wir sie innerlich nicht nivellieren oder gar abwerten müssen, da wir es akzeptieren können, dass die männliche Erfahrung eine andere ist als die weibliche.
Sowohl Männern als auch Frauen, die im sozialen Bereich tätig sind und insbesondere mit Tätern oder Täterinnen arbeiten, können kein Interesse daran haben, diese Fakten auszublenden. Geht es doch darum, beiden Geschlechtern auf ihrem Weg in ein gewaltfreies Leben zu verhelfen.
© Sabine Seifert Wieczorkowsky
